Wenn die dann abstürzen, geht das ganze Unternehmen baden, so wie Jerini aus Berlin oder die Münchner GPC?
Also: Jerinis Mittel Icatibant gegen eine seltene Erbkrankheit ist nun ja auf dem Markt. Es wurde mit dem Unternehmen für 370 Millionen Euro an die britische Shire verkauft. So etwas würde in den USA als Erfolg gefeiert. GPC...
...in die der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp viel Geld investiert hat...
...hatte mit seinem Krebsmedikament Satraplatin reichlich Pech. Nach der nun geplanten Fusion mit dem US-Biotech-Unternehmen Agennix, das ein Krebsmittel in einer sehr fortgeschrittenen Entwicklungsphase hat, wird die neu fusionierte Gesellschaft in Deutschland ansässig sein.
Wird das mehr als eine Briefkastenfirma?
Ja, ganz sicher. Dietmar Hopp ist Deutschland sehr verbunden. Das Geld, das er jetzt in der Biotechnologie investiert, hat er im badischen Walldorf mit dem Sofware-Unternehmen SAP verdient. Und es ist ihm wichtig, dass Investitionen mit seinem Geld – wenn möglich und sinnvoll – in dieser Metropol-Region Rhein-Neckar oder in Deutschland getätigt werden, damit hier Neues entstehen und sich zukunftsweisende Unternehmen etablieren können. Mein Partner, Christof Hettich, und ich, finden das eine hoch anzurechnende Einstellung.
Viele behaupten, ohne Herrn Hopp oder die Gebrüder Thomas und Andreas Strüngmann, die Millionen aus dem Hexal-Verkauf in deutsche Biotechnik stecken, wäre die Branche längst tot, weil kein Investor sich mehr nach Deutschland traue. Woran liegt das?
Die 2008 verabschiedete Unternehmenssteuerreform schreckt Investoren ab, ihr Geld in kleine innovative Unternehmen zu stecken. Denn das Gesetz lässt Verlustvorträge nicht mehr zu, wenn sich die Eigentümer-Struktur um mehr als 50Prozent verändert. Das kann bei Unternehmen, die in mehreren Finanzierungsrunden über viele Jahre hinweg Dutzende Millionen Euro für die Entwicklung eines biotechnischen Wirkstoffs einsammeln und investieren müssen aber schnell einmal passieren. Können Investoren und Unternehmen dann die Verluste nicht mehr vortragen, ist dieses unternehmerische Kapital weg.
Wie gravierend ist das Problem?
Die Steuergesetzgebung ist sicher nicht allein entscheidend für Investoren. Wenn ein Standort wie der unsrige aber deutliche Nachteile gegenüber einigen europäischen Nachbarn hat, überlegt man es sich zweimal, hier zu investieren. In der Schweiz kann jeder Gründer mit der Kantonsregierung über den Steuersatz für die ersten zehn Jahre frei verhandeln. So etwas finden wir innovationsfreundlich.
Also sind die Steuern doch zentral?
Nicht zentral, aber wichtig. Es hat auch viel damit zu tun, ob man sich als innovatives Unternehmen von der Politik gewollt fühlt. Da sind uns manche Nachbarstaaten – und nicht nur die USA – sozusagen um Lichtjahre voraus.
Wer macht es besser?
Luxemburg wirbt zum Beispiel damit, dass auf alle Patente, die dort entwickelt oder von dort aus angemeldet werden, 80 Prozent Steuerbefreiung gelten, wenn daraus ein Produkt wird. Wenn man das mal auf ein Krebsmedikament wie etwa Gleevec der schweizerischen Novartis herunterbricht, würde allein die Steuerersparnis vermutlich viele Millionen Euro pro Jahr ausmachen.
Unsere Kanzlerin spricht auch sehr viel von Innovationen, die sie fördern will.
Dass sie das will, glaube ich ihr. Wenn sie eine innovationsfreundliche Politik tatsächlich durchsetzen möchte, muss sie aber auch ihren Finanzminister eintakten, damit er ihre Pläne nicht durchkreuzt. Das Problem hier ist: Die wenigsten deutschen Politiker verstehen wirklich, wie diese Zukunftsbranche funktioniert.
Quelle:
http://www.wiwo.de/technik-wissen/...izin-lichtjahre-voraus-394198/2/