Die ersten 100 Tage des Euro-Bargeldes

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eröffnet am: 09.04.02 19:28 von: Happy End Anzahl Beiträge: 3
neuester Beitrag: 24.04.21 23:41 von: Karinwivoa Leser gesamt: 3563
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09.04.02 19:28

95441 Postings, 8059 Tage Happy EndDie ersten 100 Tage des Euro-Bargeldes

Viele Deutsche denken noch in DM, die Italiener klagen über zu schwere Münzen, die Griechen haben ihre Drachme längst vergessen. Ein Streifzug durchs Euroland.


Seit genau 100 Tagen gibt es den Euro nun als Bargeld. Am Anfang stand bei den Bürgern der Euro-Zone die Neugier auf das das neue Geld, nun, nach den ersten praktischen Erfahrungen, nimmt die Kritik zu – auf allen Ebenen. (dpa )

Nach all der Euro-Skepsis der vergangenen Jahre waren die Deutschen Anfang Januar fast euphorisch wegen der neuen Währung. Vor den Kaufhauskassen herrschte Urlaubsstimmung, berichtet damals der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). Lediglich ein 90-jähriger Kunde randalierte, als er nach Euros und Cents statt der gewohnten Mark und Pfennige erhielt. Erst die Polizei konnte ihn davon überzeugen, dass man ihm kein Falschgeld angedreht hatte.

Am 11. März waren bereits 93 Prozent aller DM-Banknoten durch Euro ersetzt. Mittlerweile ebbt bei der Bundesbank auch die Flut schriftlicher Anfragen zum Euro ab. Wut über den Verlust der DM äußerten die Briefeschreiber kaum, eher Wehmut oder Melancholie.

Zu groß für den Geldbeutel

Doch für Gesprächstoff sorgt der Euro allemal. In Internet-Foren tauschen Verbraucher ihre Erfahrungen aus. Die DM-Scheine hätten bis auf den Millimeter genau in die Geldbörse gepasst, nun sei das Portemonnaie schon für den 20-Euro-Schein zu klein, beschweren sich die einen. Man müsse viel mehr Kleingeld mit sich herumtragen, klagt ein anderer. Und manchen macht die Ähnlichkeit zwischen dem 20- und dem 50-Cent-Stück zu schaffen.

Beim Einkaufen ist das neue Geld spätestens dann ein Thema, wenn der Vordermann an der Kasse beim Bezahlen mit den Worten nach der passenden Währung ringt und fragt: „Wie viel Geld fehlt noch? Drei Pfennig? - Ääähh, Cent meine ich natürlich ...“

Der Euro als Teuro

Bei den Verbraucherschützern häufen sich zudem die Klagen über ungerechtfertigte Preiserhöhungen. Der Euro sei ein Teuro, lautet der Vorwurf vieler Verbraucher. In Restaurants und Kneipen mutieren einige sogar zu ausgesprochenen „Cent-Fuchsern“.

So scheint das Trinkgeldgeben vor der Euro-Einführung einfacher gewesen zu sein. Verlangte der Kellner 18,20 D-Mark, reichte der Gast oftmals einen 20-D-Mark-Schein mit den Worten: „Stimmt so“. Im Euro-Zeitalter wird er an dieser Stelle mit dem Rechnen beginnen.

Sei es der Preis für den Kurzurlaub oder die Kosten fürs Auto – viele rechnen vor dem Bezahlen in D-Mark um. Erst danach haben sie eine Vorstellung, was wie viel kostet. Der Umgang mit dem Euro sei vergleichbar mit dem Erlernen einer neuen Sprache, erklärt der Gehirnforscher Professor Christian E. Elger aus Bonn. Das Wertesystem der D-Mark sei schließlich tief im Gedächtnis verankert.

Lästiges Kleingeld

Trotz aller Widrigkeiten ist das Interesse der Deutschen am neuen Geld groß. So meldeten sich viele Bundesbürger bei der Bundesbank und der Landeszentralbank (LZB) in Hessen wegen Euromünzen aus anderen Ländern. Der Geheimtipp der Bankenmetropole ist die Europäische Zentralbank (EZB). Sie hat in ihrem Hochhaus ein Geschäft eröffnet. Und dort gibt es nach Ländern abgepackt die Münzen mit den Symbolen der anderen Euro-Partner zu kaufen.

In anderen Ländern scheinen die neuen Geldstücke auf weniger Interesse zu stoßen. So haben die Italiener die kleinen Ein- und Zwei-Cent-Münzen gefressen. Schon nach drei Wochen schallte der Ruf nach einer Abschaffung der leichten „Währungskrümel“, die in den Falten der Jackentaschen verschwinden oder vermeintlich wertlos das Portemonnaie anfüllen, durchs Land.

Der elegante italienische Mann hat mit dem Euro am ehesten ein ästhetisches Problem. Die an ihre leichten Geldscheine mit den vielen Nullen gewöhnten Südländer klagen über schwere Hosenbeutel und ausgebeulte Taschen. Zur Abhilfe haben die italienischen Lederdesigner von Gucci, Fendi bis Tod´s kleine Geldbörsen für die Münzen in ihre Kollektionen aufgenommen - ein Novum im früheren Lira-Land.

Italiener im Euro-Stress

Die Italiener stellte schon die Währungsumstellung auf eine schwere Geduldsprobe. „Euro-Stress“ nannten sie das Syndrom, mit dem für sie das neue monetäre Zeitalter anbrach. Dreistündige Wartezeiten an Bank- und Postschaltern waren der Preis für die Euro-Teilnahme. Ordnungskräfte mussten bei Rangeleien aufgebrachter Kunden eingreifen, Ambulanzen kollabierende Wartende abtransportieren.

Die Bankangestellten traten wegen der unbezahlten Mehrbelastung in den Ausstand. Und auf der Anklagebank landete wegen seiner Ineffizienz das gesamte italienische Finanzsystem, in dem zum Beispiel Millionen von Renten Monat für Monat noch bar auf den Postämtern ausgezahlt werden. So dauerte es auch sechs Wochen, bis das Gros der Lira aus dem Umlauf verschwunden war.

Preistreiberein in Österreich

In Österreichhatte der Euro den Schilling schon Ende Januar fast total aus den Geldbörsen der Österreicher verdrängt. Die anfängliche Euro-Euphorie wich einer allgemein positiven Grundstimmung, die ähnlich wie in Deutschland vom Eindruck gestört wird, der Euro sei ein Teuro: Parkgebühren, die früher 10 Schilling pro Stunde gekostet hätten, seien nun mitunter auf einen Euro angehoben, heißt es.

Die Regierung lässt den Vorwurf der Preistreiberei nicht gelten und weist auf die geringe Inflation von 1,8 Prozent im Januar und 1,7 Prozent im Februar hin.

In Frankreich wird doppelt umgerechnet

Auch in Frankreich haben Preiserhöhungen für Ärger gesorgt. Besonders spürbar seien sie beim Café am Tresen oder im Restaurant, klagen die Franzosen. Dass die für vergleichbare Produkte meist mehr zahlen müssen als andere Europäer ist durch die bessere Vergleichbarkeit der Preise zwar offensichtlicher geworden, eine Angleichung wird aber erst langfristig erwartet.

Einige der älteren Bewohner rechnen seit der Euro-Einführung gleich zweimal um. Denn sie haben die zum 1. Januar 1960 vollzogene Umstellung vom „Ancien Franc“ zum „Franc Nouveau“, bei der zwei Nullen weggestrichen wurden, nach wie vor nicht vollzogen. Kleinere Umstellungsprobleme kommen aber selbst bei „großen Tieren“ vor: Der frühere Wirtschaftsminister Dominique Strauss-Kahn gibt zu, dass auch er gelegentlich noch in Francs umrechne.

Die älteste Währung Europas starb unauffällig

In Griechenland starb mit der Geburt des Euro die älteste Währung Europas, die griechische Drachme, und zwar einen fast unauffälligen Tod. Obwohl den Griechen nachgesagt wird, sie seien ein sentimentales Volk, nahmen sie mühelos Abschied von den zerknitterten Scheinen mit den vielen Nullen.

So richtig erklären konnte den Run auf das frische Geld keiner, aber die Drachme war eben lange eine Verdrusswährung. Zuletzt war sie zwar stabil, aber viele Jahre eben nicht, und auf internationalem Parkett konnte man mit ihr auch nicht renommieren.

Briten lehnen Euro ab

Recht misstrauisch beäugen die Briten, was sich seit Jahresanfang auf dem europäischen Kontinent vollzieht. Die Mehrheit von ihnen hatte die neue Währung nicht haben wollen. Da erscheint es geradezu kühn, das Marks & Spencer, das urbritische Kaufhaus, zu den Läden gehört, die eine Bezahlung mit Euros nicht geradeheraus ablehnen.

Wie übrigens auch manche Pubs der Wetherspoon-Kette, deren Chairman Tim Martin immerhin zu den heftigsten Euro-Gegnern gehört. Es scheint trotzdem, als gewinne der Euro auch auf der Insel an Akzeptanz. Pikanterweise wird die neue Währung ausgerechnet an den Devisenmärkten in London am meisten gehandelt.  
 

09.04.02 19:31

44 Postings, 7602 Tage RammlerDanke Happy du bist der Beste ! o.T.

14.04.02 21:54

95441 Postings, 8059 Tage Happy EndZwei Drittel rechnen noch in Mark um

MÜNCHEN. Mehr als drei Monate nach der Euro-Umstellung rechnen knapp zwei Drittel der Deutschen die Preise noch in Mark um. Unter den Frauen betrug der Anteil 70 Prozent, bei den Männern waren es 57 Prozent, wie eine polis-Umfrage ergab. 27 Prozent der 1 009 Befragten rechnen den Angaben zufolge nur ab und zu um. Nur neun Prozent gaben an, die Preise als solche zu akzeptieren. (AP)  
 

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