http://www.wiwo.de/unternehmen/handel/...-seite-all/11088060-all.html von Florian Zerfaß
Mehrere neue Rockfestivals, unter anderem am Nürburgring als Nachfolger des legendären „Rock am Ring“: Mit diesem Rezept will der Berliner Konzertveranstalter Deag AG rasant wachsen. Doch die Tickets entpuppen sich als Ladenhüter, für die Deag zeichnen sich gravierende Probleme ab.
Vor ziemlich genau einem Monat trommelte die Deutsche Entertainment AG (Deag) noch lautstark: „Wachstumsschub durch massiven Eintritt in den Rockfestivalmarkt“, überschrieb der Konzertveranstalter eine am 5. November veröffentlichte Mitteilung. Die neuen Großveranstaltungen dürften „einen profitablen Zusatzumsatz von mehr als 30 Millionen Euro im Jahr 2015 generieren“. Die Analysten des Bankhauses Hauck & Aufhäuser jubelten über den „Push in das Festival-Business“, die Aktiesetzte ihren Aufstiegskurs fort.
Gleich drei neue Festivals hat Deag-Vorstandschef Peter Schwenkow im Programm, den größten Coup landeten die Berliner, als sie den Zuschlag für das künftige Nürburgring-Rockfestival bekamen – das Kult-Festival „Rock am Ring“ hatte Erzrivale Marek Lieberberg begründet und bisher 29 Jahre lang ausgerichtet. Nun findet es unter Deag-Regie und dem Namen „Der Ring – Grüne Hölle Rock“ statt, parallel dazu soll am letzten Maiwochenende 2015 in München Rockavaria steigen. Zudem bringt die Deag im Juni in Wien Rock in Vienna an den Start. Megaflop statt Wachstumsschub?
Doch statt profitablen Umsatz zu generieren, drohen die Festivals zu floppen. Am Samstag vor einer Woche berichtete die WirtschaftsWoche in Printausgabe und auf wiwo.de erstmals über den schwachen Ticketabsatz. Für das neue Nürburgring-Festival Der Ring sollen nur rund 4000 Tickets verkauft worden sein, für Rockavaria 15 000, für Rock in Vienna 4000; so hatte die WirtschaftsWoche zwei Tage vor Redaktionsschluss in Erfahrung bringen können. Die Deag wollte die Zahlen vor der Veröffentlichung auf Anfrage nicht bestätigen, sagte lediglich, dass der Vorverkauf „planmäßig“ laufe, ohne konkrete Zahlen zu nennen.
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Nach dem Erscheinen des Artikels hatte die Deag dann umso mehr Redebedarf. Per Pressemitteilung teilte sie noch am Erscheinungstag des Artikels mit, dass „über 40 000 Eintrittskarten“ verkauft seien. Anwaltlich wurde mit Schadenersatzklagen in Millionenhöhe gedroht. Bis heute will die Deag aber trotz mehrfacher Aufforderungen weder Belege für die Zahl der verkauften Tickets vorlegen noch eine Aufschlüsselung, wie sich die Tickets auf die verschiedenen Festivals verteilen. Die „über 40 000“ verkauften Tickets bezog die Deag in ihren Schreiben an die WirtschaftsWoche mal auf den Recherchezeitpunkt (Dienstag, 25. November), mal auf den Redaktionsschlusstag (Donnerstag, 27. November), mal auf den Veröffentlichungstermin (Samstag, 29. November).
Mittlerweile ist gar keine Rede mehr von „über 40 000“ Zuschauern: Die Deag nennt in einem Gegendarstellungsverlangen gegen die WirtschaftsWoche nun die Zahl von 38 500 verkauften Tickets am Veröffentlichungstermin. Das wären im Schnitt nicht mal 13 000 verkaufte Tickets pro neuem Festival. Eine genaue Einzelaufschlüsselung will die Deag nach wie vor nicht preisgeben. Beim Vertriebspartner Ticketmaster, der die Karten in Deutschland verkauft, war intern schon von einem „Horrorszenario“ die Rede, der Vorverkauf laufe „grausam“, sei fast zum Erliegen gekommen. Für die börsennotierte Deag wäre ein Flop der neuen Festivals weit mehr als nur ein gewaltiger Imageschaden – es drohen möglicherweise auch zweistellige Millionenverluste. Sinnlose Subventionen Die größten Steuerverschwendungen der Regierung ImageGallery
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Der WirtschaftsWoche liegen die Rock-am-Ring-Abrechnungen der zurückliegenden Jahre vor. 2012 und 2013 etwa betrugen die zu deckenden Kosten jeweils rund 12,5 Millionen Euro. Die Deag teilt mit, die Kosten würden unter denen der Vergangenheit liegen. Allerdings explodiert offenbar der größte Kostenblock, die Gagen für die eingekauften Bands. Die Deag will auf Anfrage zu Künstlergagen keine Stellung nehmen. Durch die „Festivalinflation steigen die Gagen“, hatte Schwenkow aber schon Ende September in der „Rhein-Zeitung“ geklagt. Das Ergebnis des Nürburgring-Festivals teilen sich Deag und die neue Nürburgring-Betreiberfirma hälftig. Förtsch verkauft Deag-Aktien
Zu „Der Ring“ kommen bei der Deag noch die Ergebnisse der anderen Festivals hinzu. Der Berliner Konzertveranstalter rechnet weiter damit, dass diese nicht tiefrot ausfallen: „Die Festival-Aktivitäten werden nach unserer Kalkulation deutlich profitabel sein.“ Müssen sie auch. Verkraften könnte die Deag zwar auch größere Verluste, laut Quartalsbericht für das zweite Quartal 2014 verfügte der Konzern über ein Eigenkapital von 45,4 Millionen Euro und über liquide Mittel von 33,9 Millionen Euro. Nürburgring-Verkauf „Ring“ wird zur Schicksalsfrage für Malu Dreyer
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Darin sind aber Mittel aus einer erst im Mai erfolgten Kapitalerhöhung, die anders eingeplant waren, als gleich wieder in Festivals versenkt zu werden. Und auch die Gewinnaussichten würden eingetrübt, sollten die Festivals floppen: Die Deag-Mutter hatte 2013 einen Verlust von 0,8 Millionen Euro, 2012 einen Gewinn von 2,3 Millionen; der Gesamtkonzern verzeichnete 2013 einen Gewinn von 975 000 Euro, nachdem es im Vorjahr noch 2,68 Millionen Euro gewesen waren.
Zumindest der Kulmbacher Investor und Verleger Bernd Förtsch hat offenbar kein allzu großes Vertrauen in die Wachstumspläne. Er hatte große Deag-Aktienpakete aus dem Imperium des tief gefallenen Fondsmanagers Christian Angermayer übernommen. Noch 2013 hielt Förtsch über 29 Prozent an der Deag. Bis heute hat Förtsch seine Anteile mehrfach reduziert, zuletzt am 3. November auf unter zehn Prozent. Nur zwei Tage, bevor die Deag ihre denkwürdige Pressemitteilung zum Wachstumstreiber Rockfestivals veröffentlichte. Förtsch hatte offensichtlich wieder mal einen guten Riecher. Nürburgring-Desaster Charitonin-Deal könnte noch kippen
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Derzeit jedenfalls scheint die Deag mit ihren Festivals ins Hintertreffen zu geraten. Die Dauerfehde mit „Rock am Ring“-Begründer Marek Lieberberg geht unverändert weiter, Lieberberg auf der einen und Deag/Nürburgring auf der anderen Seite liefern sich einen heftigen juristischen Schlagabtausch. Nachdem der Versuch, Lieberberg die Nutzung der Marke „Rock am Ring“ untersagen zu lassen, im einstweiligen Verfügungsverfahren gescheitert ist, will die insolvente Nürburgring GmbH nun Hauptsacheklage einlegen. Laut ihrem Sprecher ist dies bereits erfolgt. Zugleich wird noch um mehrere einstweilige Verfügungen gestritten, mit denen sich Deag und Lieberberg überzogen, um sich gegenseitig bestimmte Behauptungen untersagen zu lassen.
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Außer vor den Gerichten freilich geht der Streit auch auf den Ticketverkaufsportalen weiter. Lieberberg richtet sein Festival zum traditionellen Termin am ersten Juniwochenende auf dem Flugplatz in Mendig (nahe Koblenz) aus, nach seinem Sieg vor dem Oberlandesgericht Koblenz heißt dieses zunächst weiterhin „Rock am Ring“. Zudem findet wie bisher das Zwillingsfestival „Rock im Park“ in Nürnberg auf dem Zeppelinfeld statt. Und: Lieberberg hatte sein Programm früher fertig, startete schon im Oktober in den Vorverkauf, bei der Deag gab es dagegen Verzögerungen, sie legte erst Anfang November los. Das schlägt sich in einem Klassenunterschied bei den Ticketverkäufen nieder. Lieberberg teilte in der Zwischenzeit mit, er habe für seine beiden Festivals mehr als 100.000 Tickets verkauft, knapp 39.000 für Nürnberg und fast 62.000 für Mendig. Zahlen, von denen die Deag momentan nur träumen kann
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