Mangelnde Liquidität lähmt Börse Erhoffte Herbstrallye könnte es an Kraft fehlen - Investoren scheuen Aktien-Engagementsvon Daniel Eckert und Holger Zschäpitz Berlin - Börse findet derzeit nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zwar schaut das Publikum gebannt auf die Ölpreisentwicklung und deren Auswirkungen auf die deutschen Aktien. Doch auf dem Parkett wechseln Anteilsscheine nur in homöopathischen Dosen die Besitzer. "Ich habe bis zum Nachmittag gerade einmal 11 000 Deutsche-Bank-Aktien gehandelt", beklagte sich ein Frankfurter Händler. Der Grund für die mageren Handelsumsätze ist längst nicht nur in den Sommerferien zu suchen, die in vielen Bundesländern bis Ende August gehen. Dem Markt mangelt es auch an Liquidität. Allein private Anleger haben seit Jahresanfang 1,87 Mrd. Euro aus Aktienfonds abgezogen. Und die Versicherungen tragen das Geld auch nicht gerade wäschekörbeweise an die Börse.
"Die Liquiditätslage ist angespannt", sagt Dhaval Joshi, Stratege bei der Société Générale in London. "Viele unserer institutionellen Kunden erwägen sogar, noch Gelder aus dem Aktienmarkt abzuziehen und in defensivere Anlagen zu stecken."
Damit steht die nach dem leichten Rückgang bei den Ölpreisen in den letzten Tagen von vielen Experten ausgerufene Herbstrallye auf brüchigem Fundament. Erst am Mittwoch traten die Strategen der UBS an die Öffentlichkeit und erklärten den Ölpreisanstieg für beendet. Damit sei der Weg frei, dass sich die "moderate Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten" fortsetze, so UBS-Mann Mark Precious. Für viele Experten ist klar, dass kurzfristig die Kurse auch ohne neue Mittel steigen können. "Eine nachhaltige Aufwärtsentwicklung ohne Liquidität ist aber nicht möglich", sagt Joshi.
Schließlich ist die Liquidität der Sauerstoff für die Börsen. Dies zeigt auch ein Blick in die Historie. Seit 1992 laufen in zwei Dritteln der Monate Mittelaufkommen bei deutschen Aktienfonds und der Deutsche Aktienindex (Dax) parallel. Das heißt: Ziehen die Anleger ihr Geld ab, schwächelt das Börsenbarometer in der Regel. Bei massiven Zuflüssen bekommt der Dax dagegen einen positiven Schub. Experten messen den deutschen Fondssparern zwar nicht die gleiche Bedeutung wie den amerikanischen bei. In Übersee geht nach Berechnungen der Bank of America rund ein Viertel des täglich gehandelten Aktienvolumens auf das Konto privater Fondsanleger. Aber die in hiesigen Publikumsfonds verwalteten 451 Mrd. Euro entsprechen immerhin fast dem Börsenwert aller Dax-Unternehmen. So ist auch die Bedeutung der hiesigen Investoren für die Entwicklung des Marktes nicht zu gering zu schätzen. Haben die Fondssparer keine Lust auf Aktien, können Dividendenpapiere selbst dann fallen, wenn sie günstig bewertet sind. Denn wenn Fondsmanager kein Geld mehr zur Verfügung haben, bringen auch die besten Schnäppchen an der Börse nichts.
Doch viele Profis sind der Überzeugung, dass die deutschen Anleger schon rechtzeitig wiederkommen, wenn nur die Kurse erst einmal gestiegen sind. Aber eine Anlegergruppe muss den Anfang machen und dem Markt durch Schnäppchenjagd einen Anstoß geben. Die großen Versicherer scheinen hierfür aber leider nicht in Frage zu kommen. Axa, Allianz, Münchener Rück, Zurich Financial und Schweizer Rück haben insgesamt relativ niedrige Aktienquoten. Jedoch ließen sie bei der Vorlage ihrer jüngsten Geschäftszahlen durchblicken, dass sie nicht beabsichtigen, den Anteil an Dividendenpapieren in ihren Portfolios hochzuschrauben. "Die Kapitalausstattung der Assekuranzen erlaubt noch keine weiteren Abenteuer im Aktienmarkt", sagt Michael Huttner, Analyst bei JP Morgan in London. "Die Versicherer machen sich bei den großen Ratingagenturen keine Freunde, wenn sie ihr Risiko erhöhen." Einzig die Allianz Leben, die Lebensversicherungstochter der Münchener Allianz, habe noch etwas Spielraum für eine höhere Aktienquote. Dagegen spricht allerdings, dass die Münchener Muttergesellschaft angekündigt hat, Aktien eher abzubauen.
Damit spielen internationale Hedgefonds einmal mehr das Zünglein an der Waage. Denn diese Fondsmanager verfügen über viel Geld, mit dem sie die Rallye zünden können.
Artikel erschienen am Do, 26. August 2004
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