Das Kapital Jeden Tag Kindergeburtstag
Ihre Fehlentscheidungen begründet die Politik stets mit der notwendigen Wiedererlangung des Marktvertrauens. Eben diesem Markt vertraut sie selber nicht und verzerrt ihn durch Interventionen jedes Mal, wenn er korrigierend wirken könnte.
Geburtstag feiern, wann man will und sooft man will - geht nicht? Geht doch. Man muss nur eine systemrelevante Institution sein oder aber zu jener Gruppe von Anlegern gehören, der vor keiner Bewertungsblase bange ist, die keine Angst vor gigantischen Schuldenbergen hat, die auf ihr Recht auf risikoloses Wachstum pocht und die an die Allmacht ungezügelter Notenpressen glaubt. Kurzum, wenn man als Anleger die Meinung der Politik teilt, dass sich fallende Märkte automatisch als dysfunktional qualifizieren, ist man auf der sicheren Seite. Denn dann ist man ein Teil jenes Marktes, dessen Vertrauen die Staatslenker um jeden Preis (zurück-)gewinnen wollen. In der Wirtschaftspolitik scheint seit Jahren die dominierende Richtschnur allen Handelns die Reaktion der Märkte zu sein. In sämtlichen Verlautbarungen westlicher Politiker fast jeder Couleur geht es stets um die Wiedererlangung des Marktvertrauens. Und, so denkt man sich in den Hauptstädten, wie kann man schneller Vertrauen aufbauen, als dem Markt das zu geben, wonach er verlangt? Sei es die Rettung des zu kurzfristig refinanzierten Brokers Bear Stearns, der größenwahnsinnigen AIG, der überflüssigen Fannie Mae und Freddie Mac, der verschlafenen GM oder die Rettung der HRE, diverser Landes- oder gar privater Banken, die Bereitstellung beinah unbegrenzter Liquidität, milliardenschwere Konjunkturprogramme oder die Schaffung von Bad Banks - stets bekommt der Markt, wonach er verlangt. Jetzt schon wieder. So sehr die träge Masse der Anleger politisch hofiert wird, so sehr werden jene geächtet, die die Nacktheit des Kaisers erkennen. Ob Leerverkäufer, Derivatehändler - insbesondere natürlich die CDS-Hasardeure - oder sonstige Marktteilnehmer, die sich dadurch verdächtig machen, das Spiel nicht mitzuspielen, und auf eine Annäherung der Börsenkurse an die wirtschaftlichen Realitäten setzen, sie werden als Spekulanten gebrandmarkt, ihr Handeln gilt als schädlich, marktverzerrend. Gegen die US-Ramschhypotheken, unterkapitalisierte Banken oder unverhältnismäßig niedrige Zinsen für griechische Staatspapiere zu wetten - wie unverschämt! Auf Ausfallwahrscheinlichkeiten hinzuweisen und Kreditrisikoaufschläge einzufordern gilt schon als politisch unkorrekt. Wir sind ja eine Solidargemeinschaft. Eine Solidargemeinschaft der Schuldner jedenfalls. In deren Interesse die Märkte manipuliert werden dürfen oder sogar müssen. Etwa, indem der Zentralbank der Aufkauf von Staatsanleihen sehr, sehr nahegelegt wird, was kurzfristig die Refinanzierungskosten der Staaten senkt. Ist das Doping, Dumping oder Insiderhandel? Es ist Täuschung, aber egal, der Markt will ja nach Meinung der Politik und großer Teile der Journaille getäuscht werden, um wieder Vertrauen zu gewinnen. In was, in sich selbst? Dieses Vertrauen macht ihm die Politik ordentlich madig, indem sie ihn jedes Mal, wenn er sich als Korrektiv bewähren könnte, ausbremst. Nicht vor ominösen Spekulanten, sondern vor Politikern und anderen, die der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen wollen, muss der Markt gerettet werden. Das schafft Vertrauen. Bisher dachte die Politik, sie könnte sich dieses Vertrauen erkaufen, indem sie jeden Brandherd mit neuem Geld löschte. Darauf setzten die Anleger, und so galt ihre kurzfristige Sorge stets nur dem Zeitpunkt und dem Ausmaß der staatlichen "Rettung". Doch der Mutter aller Vertrauenskrisen wird der Staat so nicht Herr werden: wenn keiner mehr an die Solvenz der Staaten selbst glaubt. http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/marktberichte/...tag/50113208.html
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