Bushs Pannenserie nervt die Parteifreunde
Von Marc Pitzke, New York
Die US-Republikaner werden unruhig: George W. Bushs Pannen gefährden ihre Chancen auf Wiederwahl. Bei einer Tagung in Memphis zeigte sich die politische Not der Regierungspartei. Nur einer kümmert sich nicht drum - der US-Präsident.
New York - Es sollte wie immer ein Wochenende der Selbstbeweihräucherung und des gegenseitigen Auf-die-Schulter-Klopfens werden. "Das beste Essen, die beste Musik und Gastfreundschaft" hatte Bob Davis, der Republikanerchef von Tennessee, versprochen, schließlich traf man sich im lebensfrohen Memphis. Außerdem sollte eine kleine Testwahl erste Einblicke ins konservative Kandidatenfeld fürs US-Präsidentschaftsrennen 2008 geben.
REUTERS Präsident Bush: Der Siegestaumel ist vergessen Doch irgendwie wurde die Southern Republican Leadership Conference, das alljährliche Treffen der US-Südstaaten-Republikaner, diesmal zum Flop. Zwar hielten alle Ehrengäste im großen Ballsaal des historischen Peabody Hotels artig ihre Reden, darunter auch die potentiellen Präsidentschaftsaspiranten John McCain, Trent Lott und Bill Frist. Doch die Stimmung war gedrückt, keiner blieb lange - und die "Straw Poll", die erste Testwahl für 2008, wurde dank eines cleveren Schachzugs McCains zum redundanten Schattenboxen.
"Es ist, als seien wir die Partei, die sich vor dem Verlieren fürchtet", fasste Senator Lindsey Graham aus South Carolina die Stimmung der malträtierten Regierungspartei treffend zusammen. "Wir müssen die Partei werden, die sich auf das Gewinnen konzentriert."
Raubanklage gegen Ex-Politikberater
In der Tat macht sich bei den Republikanern dieser Tage Torschlusspanik bemerkbar - und das nicht erst seit dem Wochenende. Denn Präsident George W. Bushs Pannen und sein jüngster Popularitätssturz gefährden ihre eigenen, politischen Chancen auf Wiederwahl.
Vergessen der überschwenglich-arrogante Siegestaumel vom November 2004, als sich Bush und seine Truppen für weitere vier Jahre das Weiße Haus sicherten und die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses. Vergessen die Solidarität zwischen Partei und Präsident.
Stattdessen quälen sich die Republikaner, wie in Memphis deutlich wurde, zusehends mit einem Loyalitätsspagat: Einerseits fühlen sie sich Bushs erzkonservativer Basis weiter verpflichtet. Andererseits wird der Präsident immer mehr zu einer Art politischem Kassengift.
Die Gründe, weshalb Bushs Popularitätswerte auch bei den eigenen Leuten inzwischen auf dem niedrigsten Stand seit seinem Amtsantritt sind, lassen sich kaum mehr an einer Hand abzählen: · das katastrophale - und bis heute anhaltende - Versagen des Weißen Hauses nach dem Hurrikan "Katrina" · die Bespitzelung von Amerikanern durch den Geheimdienst · das Blutbad im Irak · die endlose Folterdiskussion · das explodierende Defizit · Vizepräsident Dick Cheneys Schießwut · der Prozess gegen Cheneys Ex-Stabschef "Scooter" Libby · Bushs missglückte Reise nach Pakistan und Indien · die Raubanklage gegen Bushs früheren Top-Politikberater Claude Allen · und zuletzt der von Bush völlig verkorkste Versuch, das Terminal-Management in den sechs größten US-Seehäfen an die arabisch geführte Firma Dubai Ports World abzutreten.
Bush wollte denDeal an der eigenen Partei im Kongress vorbeimogeln. Die brachte es mit einem lauten, populistischen Aufschrei prompt zu Fall. Offizieller Grund: Terrorgefahr - eine weitgehend unberechtigte Befürchtung, da der Terrorschutz der Häfen weiter in der Hand des US-Heimatschutzes bliebe (der allerdings kaum verlässlich ist, doch das ist eine ganz andere Frage). Inoffizieller Grund: Angst der Politiker um die Stimmen der zunehmend isolationistischen Wähler, die sich um die Feinheiten der Realität kaum scheren.
Und so steckten die Präsidentschaftsanwärter in spe am Wochenende in Memphis schön in der Klemme. Einerseits konnten sie es kaum wagen, Bush zu kritisieren, denn der nennt ja immer noch einen großen Teil der christlich-konservativen Wählerbasis sein eigen - und ohne die wird keiner Kandidat. Andererseits ist Bushs Beliebtheitsquote mit 37 Prozent inzwischen so mies, dass er jedem Hoffnungsträger wie eine Fußfessel anhängt.
Etwa Mitch Romney, der Gouverneur von Massachusetts. Der lobte brav Bushs Kampf gegen den Terrorismus, kritisierte im gleichen Atemzug aber dessen bodenlose Fiskalpolitik, ein Steckenpferd der Rechten: "Wir geben zu viel Geld aus", sagte er. "Verschwendung von Steuergeldern in Kriegszeiten ist besonders niederschlagend." Oder Senator Graham: Bush habe mit vielerlei Recht - die Rentenreform, "die großen Themen seiner Zeit". Doch als Exekutive, die die schönen Visionen in die Tat umsetze, sei Bush, nun ja, "ein Problem".
Dramatischer Wendepunkt
Ein Redner nach dem anderen riet Bush, sein offenbar überfordertes Team im Weißen Haus umzukrempeln - eine Forderung, die bereits seit dem Skandal um Libby und die Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Plame durch die Partei geistert. "Es fragt sich, ob ihm die Leute in seinem Umfeld gute Dienste leisten", sagte der Senator Norm Coleman. Vor allem Stabschef Andy Card, so finden immer mehr Republikaner, sei reif für den Ruhestand.
"Wir können uns dieses Jahr keine große Verluste leisten", sagte Haley Barbour, der Gouverneur des Hurrikan-geschockten US-Bundesstaats Mississippi. Barbour, der selbst früher Parteichef der Republikaner war, erinnerte daran, dass dieses Jahr wichtige Kongress-Zwischenwahlen anstehen, und die seien oft ein dramatischer Wendepunkt für eine Regierungspartei: Jeder wiedergewählte Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg habe in seinem sechsten Amtsjahr Niederlagen erlitten.
Nutzlose Stichwahl
Nur einer gab Bush uneingeschränkte Rückendeckung: John McCain, ausgerechnet, sein ewiger Rivale. "Er hat Besseres verdient", rügte der seine Parteikollegen - ohne aber Namen zu nennen - für ihren Aufstand gegen den Dubai-Deal, der in einer erniedrigenden Ohrfeige für den Präsidenten kulminierte. Anschließend machte McCain die traditionelle "Straw Poll" fürs künftige Kandidatenrennen zur Makulatur, indem er seinen Namen zurückzog und bat, stattdessen für Bush zu stimmen - ein gewiefter Schachzug, mit dem sich McCain über den Streit des Tages erhob.
Die nutzlose Stichwahl gewann so Bill Frist, der Republikanerchef im Senat, mit 37 Prozent der Stimmen - kein Wunder, schließlich war man in seinem Heimatstaat Tennessee. Auf Platz zwei landete Gouverneur Romney, dahinter folgten, stimmengleich auf Platz drei, Senator George Allen aus Virginia - und George W. Bush.
Der weigerte sich in Washington derweil, in klassischer Verleugnungspose, das ganze Theater um seine Person überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. "Meine Buddys in Texas fragen mich: 'Wie kommst du mit all diesem Zeugs nur zurecht?'", sagte Bush vor der Jahrestagung der National Newspaper Association. "Wisst ihr, es ist so, dass man sich nach einer Zeitlang einfach dran gewöhnt."
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