manager-magazin.de, 26.04.2005, 17:37 Uhr http://www.manager-magazin.de/geld/geldanlage/0,2828,353582,00.html
WCM
"Kursziel null Euro möglich"
Von Lutz Reiche
Zwei sich scheinbar widersprechende Analysen der WestLB haben die WCM-Aktie in den vergangenen Tagen auf eine dramtische Berg- und Talfahrt geschickt. Analyst Georg Kanders erklärt im Gespräch mit manager-magazin seinen Sinneswandel. Die marode Beteiligungsgesellschaft ist damit aber nicht aus dem Schneider, warnt der Experte.
Hamburg/Frankfurt am Main/Düsseldorf - Irgendwie erinnert die Szenerie an die turbulentesten Zeiten des Neuen Marktes, als Aktienempfehlungen für extreme Kursausschläge und in den einschlägigen Internetforen für helle Aufregung sorgten. Die Papiere der Beteiligungsgesellschaft WCM sind derzeit so ein Fall.
Viele Banken haben die Aktie der angeschlagenen Holding nicht mehr auf dem Radar. Umso dramatischer reagierte der Wert am vergangenen Freitag nach einer Verkaufsempfehlung durch die WestLB und mutierte endgültig zum "Pennystock": Mit rund 40 Prozent Verlust ging der Titel aus dem Handel. Von 240 Millionen Euro Marktkapitalisierung lösten sich rund 100 Millionen in Luft auf und verstärkten die Befürchtung, die Aktie könnte in Kürze aus dem MDax fallen. Am folgenden Montag ging es um weitere 16 Prozent nach unten.
Eine zweite Analyse der gleichen Bank trieb den Wert heute mit einem Kursplus von rund 10 Prozent kurz vor Handelsschluss an die Spitze des MDax . Was war passiert?
WestLB-Analyst Georg Kanders hatte die Titel in seiner ersten Studie von "Neutral" auf "Sell" und das Kursziel von 1,15 auf 0,20 Euro gesenkt und dies unter anderem mit der schwachen Bilanz und dem "enttäuschenden Ausblick" des Unternehmens auf das Jahr 2005 begründet. In der am Dienstag veröffentlichten Studie hob er die Einstufung von "Sell" auf "Neutral" und das Kursziel von 0,20 auf 0,50 Euro an.
Händler zeigen sich verwundert
Während Händler in Frankfurt sich über diesen Schritt verwundert zeigten und von einer "Rücknahme" der Einstufung sprachen, tobten sich die selbsternannten Experten in den Internetforen aus. Viel freundliche Worte - der karge Hinweis sei hier erlaubt - fanden die Beteiligten nicht. Kommentatoren in anderen Finanzmarktmedien bewerteten den Fall als "Bewertungsposse".
Bereits in der Samstagausgabe der "Börsen-Zeitung" zeigte sich ein Autor mit dem Markt darüber "verwundert", dass nun ausgerechnet die WestLB mit einer Verkaufsempfehlung die WCM-Aktie in die Knie zwang. Gerüchteweise wolle sich die Bank in dem Nebenwerte-Sektor "Gehör verschaffen, und da kam eine fundamental angeschlagene WCM gerade recht", mutmaßte der Autor. Derlei Spekulationen wollte man am Dienstag bei der WestLB nicht kommentieren. Aus Kreisen der Bank verlautete aber, dieser hergestellte Zusammenhang sei "unsinnig und völlig aus der Luft gegriffen".
Analyst spricht von "neuen Informationen"
WestLB-Analyst Georg Kanders indes wollte am Dienstag den impliziten Vorwurf, er habe seine Analyse zurückgenommen, so nicht stehen lassen. Im Gespräch mit manager-magazin.de sprach er von einer "Neubewertung" und machte dafür vor allem zwei Gründe geltend. "Wir haben die Aktie wieder auf 'Neutral' angehoben, weil der Kurs in zwei Handelstagen extrem gefallen ist. Zudem erscheint uns auf Grund neuer Informationen, die wir von dem Unternehmen jetzt erhalten haben, eine Verkaufsempfehlung nicht mehr als angemessen."
Informierte der Vorstand falsch?
"Neu" waren nach Aussagen von Kanders Informationen zum Verkauf des WCM-Anteils an der Schweizer Maag-Holding. WCM habe von einer Schweizer Bank Bargeld als Vorauszahlung für den Verkauf der Anteile an der Immobiliengesellschaft erhalten. Dieses Geschäft habe entgegen der bisherigen Einschätzung des Analysten einen positiven Effekt auf die Nettoverschuldung im laufenden Geschäftsjahr. WCM hatte seine 38,7-prozentige Beteiligung an der Schweizer Immobiliengesellschaft im Dezember 2004 mit Vollzug im Januar 2005 an die Swiss Prime Site AG veräußert.
Den Ablauf des Maag-Geschäftes hatte WCM-Vorstandschef Roland Flach dem Analysten in einem Gespräch am Donnerstag offenbar noch anders dargestellt. Erst ein zweites Gespräch mit dem Unternehmen an diesem Montag brachte Klarheit und veranlasste Kanders zu der zweiten Studie. "Gerade bei dem Schuldenlevel von WCM macht es einen Unterschied, ob die Verbindlichkeiten 50 Millionen höher oder niedriger sind in einem Geschäftsjahr", erklärte der Analyst weiter.
Neue Vermögenswerte, neue Beteiligung
Darüber hinaus habe WCM erst in dem zweiten Gespräch weitere Informationen zu Vermögensgegenständen geliefert. So gebe es drei größere Grundstücke, die zuvor nicht bewertet worden seien. Zudem habe WCM einen Anteil von 29,1 Prozent an der Wuppertaler Wohnungsbaugesellschaft "Barmer Wohnungsbau" angezeigt, der offenbar vorher nicht bekannt war. Diese Informationen hätten nun ebenfalls Auswirkungen auf den von der Bank berechneten Nettovermögenswert (Net Asset Value) der WCM.
Taxierte Kanders den Nettovermögenswert je WCM-Aktie in der Studie vom Freitag noch zwischen 0,08 Euro und 1,19 Euro, hob er die Spanne in der neuen Studie auf Grund der jüngsten Informationen nun auf 0,43 bis 1,00 Euro je Aktie an. In der letzten Spanne sei das Risiko aus dem Steuerstreit mit dem Finanzamt noch nicht enthalten, ergänzte Kanders. Der Analyst setzt die Wahrscheinlichkeit in der Bewertung, dass WCM den vom Finanzamt geforderten Steuerbetrag in dreistelliger Millionenhöhe nachzahlen muss, auf etwa 20 Prozent an. Beziehe man diese Wahrscheinlichkeit mit ein, würde durchschnittliche Nettovermögenswert auf 0,62 Euro je Aktie sinken. Abzüglich eines gängigen Risikoabschlages von 20 Prozent ergebe sich damit ein Kursziel von 0,50 Euro.
Auch ein Kursziel "null Euro" ist möglich
Sollte WCM aber in der Tat die Steuern komplett nachzahlen müssen, sei auch ein Kursziel von "Null Euro" denkbar. "Die Steuernachforderung ist für die Aktie und das Unternehmen aus meiner Sicht derzeit das größte Risiko", führte Kanders weiter aus. Denn dann drohe der Beteiligungsgesellschaft aus heutiger Sicht schlimmstenfalls die Insolvenz.
Nur geringen Einfluss auf die Bewertung von WCM hätte nach Aussagen des Analysten die Nachricht, dass die IVG Immobilien die Mehrheit am insolventen Hamburger Wettbewerber Agiv Real Estate übernehmen wolle. WCM hält an der Agiv noch rund 7 Prozent. "Sollte IVG tatsächlich die Agiv-Gruppe übernehmen, springt für WCM dabei nicht viel heraus", sagte Kanders. Interessanter wäre es, wenn sich ein Investor für die WCM-Beteiligung an den Maternus-Kliniken interessieren würde.
Mit seiner grundsätzlich pessimistischen Einschätzung zu WCM steht Kanders indes nicht allein. Bereits in der zweiten April-Woche erneuerte das Bankhaus Lampe seine Verkaufsempfehlung.
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